Deutschlands Beitrag zur Eurokrise

Warum hören wir in deutschen Medien eigentlich so wenig über Deutschlands Beitrag zur Eurokrise? Wer etwas darüber erfahren möchte, dem lege ich diesen Vortrag von Heiner Flassbeck zum Thema Eurokrise nahe (man erfährt auch einige Dinge über Griechenland):

Für alle, die keine 90 Minuten Zeit finden hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:

  • Griechenland ist eigentlich ein Randproblem
  • Dass die Eurozone auf einem „guten“ Weg ist, stimmt nicht. Alle, inklusive Deutschland, sind in der Industrieproduktion noch unter 2008. Auch die Arbeitslosigkeit hat sich nicht wirklich positiv entwickelt (was direkt damit zusammen hängt). Stichwort: Verlorene Generation, wo Arbeitslosigkeit zurück geht, verlassen die Menschen das Land oder melden sich einfach nicht arbeitslos
  • Die Reformen, die in Spanien, Portugal, Italien, durchgeführt wurden, haben auch dort nicht zu einem Aufschwung geführt, sie stagnieren auf niedrigem Niveau
  • Griechenland wuchs bis 2008 schneller als alle anderen Länder in der EU, und insbesondere auch bei Investition in Maschinen. Der große Absturz kam erst mit Eingreifen der Troika
  • Es herrscht Deflation in Europa
  • Auch vor dem Euro gab es in Europa größtenteils feste Wechselkurse, die meisten Länder haben sich an die Deutsche Markt gekettet
  • Wegen höheren Inflationsraten mussten einige Länder (Italien, Frankreich), regelmäßig abwerten
  • Problem: Durch die festen Wechselkurse hat Deutschland Geldpolitik für Europa gemacht, was für die anderen nicht immer optimal war. Daher Einigung auf 2% Inflationsziel und gemeinsame Geldpolitik. Inflationsziel notwendig, da Abwerten/Aufwerten nicht mehr möglich im Euro
  • Problem: die Theorie des Monetarismus (Zentralbank „druckt“ Geld, woraufhin die Inflation steigt) ist offensichtlich falsch. Die funktioniert weder in Japan (seit 20 Jahren Deflation, trotz extremer Geldmengenerhöhung) noch ein der Eurozone (EZB gehen langsam die Mittel zum Gelddrucken aus)
  • Bessere Erklärung für Inflation bietet die Cost-Push-Theorie: Für höhere Preise müssen die höchsten Kosten steigen. Die höchsten Kosten sind die Löhne. Bei Lohnsteigerung um 2% über der Produktivitätssteigerung gibt es also 2% Inflation
  • Daraus folgt ein Konstruktionsproblem des Euro: Die EZB kann das 2% Inflationsziel nicht erreichen, da der Monetarismus nicht funktioniert und sie die Lohnhöhe aber nicht beeinflussen kann
  • Die Eurozone kann also nur funktionieren, wenn die Lohnstückkosten, also die Löhne im Vergleich zur Produktivität, um 2% pro Jahr steigen
  • Fakt am Rande: „West Deutschland“ hatte durchschnittlich 4% Inflation von 1970-1991
  • Fatal: Nach Jahrzehnten von durchschnittlich 4% Steigerung der Lohnstückkosten hat Deutschland ab 2000 „klammheimlich“ die Lohnstückkosten Steigerung auf deutlich unter 2% gefahren
  • Problem daraus: Alle Güter, die in 1999 in Deutschland für 100€ pro Stück produziert wurden, können 2012 in Deutschland für 110€ pro Stück produziert werden. Im Rest von Europa sind es 130€ (Minute 32) => Das ist das deutsche Wirtschaftsmodell der vergangenen Jahre
  • Tragisch: Frankreich hat alles richtig gemacht aber ein Problem, weil Deutschland sich mit seinen Lohnstückkosten so stark zurück gehalten hat, die politische Macht liegt aber ganz deutlich bei Deutschland. Daher traut man sich in Frankreich kaum das Problem anzusprechen
  • Deutschland macht eine deflationäre Anpassung der Lohnstückkosten
  • Im Vergleich: Produktivitätssteigerungen in Frankreich und Deutschland haben sich kaum Unterschieden. Gleiches gilt für den BIP Wachstum
  • Frankreich hat besseren Binnenmarkt (daher ähnliches BIP Wachstum), deutlich bessere Investitionen in Produktionsanlagen => Nachhaltiges Wachstum, da Investitionen in Zukunft getätigt werden!
  • Absolute Produktivität in Frankreich höher als in Deutschland
  • Reallöhne in Deutschland sind langsamer gestiegen als Produktivität. Nach (neoliberaler) Ökonomischer Lehre müsste dadurch die Arbeitslosigkeit sinken
  • Gegenbeispiel: Griechenland, dort gab es reale Lohnsenkungen um 20-30%, die Arbeitslosigkeit ist aber in die Höhe geschossen
  • Ähnliches ist, in weniger dramatischem Ausmaß, in ganz Südeuropa (inklusive Italien) passiert
  • Problem: Schon in den letzten 10 Jahren exportiert Deutschland sehr viel in die EU, da seine Produkte ca 20% billiger sind. Die anderen konnten sich nicht wehren, da sie ihre Währung nicht abwerten konnten. Die sinkende Arbeitslosigkeit in Deutschland kommt nicht (oder nur indirekt) aus den niedrigen Löhnen, sondern durch den hohen Export
  • Problem: Die Arbeitslosigkeit ist zu Lasten der restlichen Eurozone gesunken, die Arbeitslosigkeit wurde exportiert
  • Direkte Folge: Es können nicht alle Länder auf diese Weise „wettbewerbsfähiger“ werden und ihre Arbeitslosigkeit exportieren
  • Die Lohnstückkosten in Griechenland (und im Rest von Südeuropa) sind immer noch höher als in Deutschland, also bricht in diesen Ländern nur der Binnenmarkt ein. Problem: Auch wenn die Arbeitskraft um 20% günstiger wird, werden die Arbeitgeber sie trotzdem nicht einstellen, wenn sie die zusätzliche Produktivität nicht benötigen, da der Binnenmarkt eingebrochen ist
  • Grundlegendes Problem: Der Arbeitsmarkt funktioniert nicht wie ein „Kartoffelmarkt“. Angebot und Nachfrage sind nicht unabhängig! Arbeiter kaufen die Güter, die sie produzieren. Sinken ihre Löhne, sinkt die Nachfrage nach den Produkten, und die Nachfrage nach Arbeitskraft sinkt automatisch mit
  • Griechenland war 75% Binnenmarkt, nur 25% Export. Daher kann diese Lohnsenkung dort nicht funktionieren. Irland hat einen Export von 105% (unklar von was), daher kann die Lohnsenkung dort funktionieren, ist aber genauso wenig übertragbar, wie die Situation in Deutschland
  • Troika konnte diese Einbrüche nicht vorhersehen, da sie an einen funktionierenden Arbeitsmarkt geglaubt haben
  • Problem: Auch wenn Frankreich und Italien die Erhöhung der Löhne genauso reduziert hat, wie Deutschland, sind die Lohnstückkosten dort immer noch ca 30% höher als in Deutschland (im Vergleich zu 1999). Auch das kann auf lange Zeit nicht gut gehen
  • Deutschland hat bisher keinen eigenen Beitrag zur Lösung der Eurokrise geleistet. Wichtig wären mindestens 10 Jahre mindestens 5% Lohnsteigerungen in Deutschland
  • Andersherum geht es nicht: Auch wenn man sich auf die niedrigen Lohnsteigerungen einigt, werden diese zu starker Deflation führen. Schon die bisherigen „schwachen“ Anpassungen in einem kleinen Teil der Eurozone haben zu einer „fast“ Deflation geführt. Die EZB kann dieser nichts entgegen setzen. Alles nur, weil in Deutschland die Löhne nicht steigen können. Warum nicht?
  • Betrachtung der Saldenbilanzen. Die Nettoschulden der Welt sind immer 0. Wenn einer spart, muss jemand anders Schulden machen. Wenn jemand schulden macht, spart jemand anders (Minute 55ff)
  • In den 60er Jahren in Deutschland normale Marktwirtschaft: Staat und Außenwelt sparen nicht, verschulden sich auch nicht. Privathaushalte sparen, die Wirtschaft nimmt Schulden auf
  • Heute: Deutsche Unternehmen sind ebenfalls zu Sparern geworden, auch der deutsche Staat verschuldet sich nicht. Problem: Die Bilanz muss 0 sein, bleibt nur das Ausland, was sich verschuldet, i.e. wo das gesparte Geld hinfließt
  • Deutschland braucht jedes Jahr 200 Milliarden € neue Schulden des Auslands für sein Wachstum. Das „gesparte“ Geld der Deutschen geht ins Ausland als Kredite, damit diese sich (auch) deutsche Produkte kaufen können. Problem: Auch deutsche Konsumgüter werfen keine Rendite ab (Minute 59), die Schuldner sind also irgendwann überschuldet
  • Problem: Deutschlands Tip, dass alle anderen nun auch keine Schulden machen sollen, kann nicht funktionieren, da, wenn jemand spart, jemand schulden muss machen. Wer soll das sein? Damit die anderen sparen können, muss Deutschland seine Verschuldung erhöhen
  • Es ist unklar, wer das in Deutschland sein könnte
  • Deutschland tut so, als ob es nichts mit den Problem zu tun hätte. Interessanterweise sehen die USA und Europa das Problem durchaus. Deutschland will das nicht wissen. Deutschland müsste sich fundamental ändern um Europa zu retten (Minute 66)
  • Vergleich mit Reparationen nach dem ersten Weltkrieg (Minute 67). Ähnliche Situation: Die Alliierten wollten Reparationen, da Deutschland Schuld war am Krieg, ein Ausgleich für den Krieg. Problem: Man wollte nichts an den Handelsbeziehungen zu Deutschland ändern, i.e. man wollte nicht, dass Deutschland Leistungsbilanzüberschüsse erzielt. Das ist ein unauflösbarer Widerspruch. Darauf folgte logischerweise ein Knall
  • Mit den Entwicklungsländern ist etwas ähnliches passiert (Minute 69), dort wurden Leistungsbilanzdefizite empfohlen. Diese wurden für Güter ausgegeben und haben nicht zu Wachstum geführt (nur bei uns)
  • Problem: Wenn dieser logische Widerspruch nicht aufgelöst wird, wird es irgendwann durch politische Umwürfe passieren. Die rechtspopulistischen Strömungen in Europa sind Zeichen dafür
  • Problem: Deutschland hat, weil es Gläubiger von einigen Eurostaaten ist, sehr viel Macht erlangt. Diese Macht müsste ein vernünftiges Deutschland möglichst schnell abgeben wollen. Allerdings wollen sich alle anderen Länder auf die Seite des mächtigen stellen und unterstützen daher eine Beibehaltung des kritischen Kurses
  • Die in Deutschland immer wiederholte Aussage, dass Deutschland alles richtig gemacht hätte, ist falsch (siehe Lohnsteigerungen, siehe Situation in Griechenland durch „deutsche Medizin“). Daher ist ein Kompromiss unmöglich, ohne eine Umdenken in Deutschland
  • Frage aus dem Publikum: Wird der Euro auseinander brechen (Minute 78)? Antwort: Es wird knallen. Harmonischer Austritt sehr schwer, zentrale Fragen, wie Wechselkursstabilisierung müssten mit Europa geklärt werden (was aber bisher nicht passiert). Es könnte gehen, Argentinien hat gezeigt, dass es ging, allerdings mit Abwertung der Währung von 65% und sehr viel Glück, dass es in den politischen Unruhen nicht ganz schief gelaufen ist.
    Leicht ist es aber für Griechenland definitiv nicht. Problematisch: Politische Umstürze in Frankreich und Italien können dazu führen, dass Frankreich und Italien aus dem Euro aussteigen und sich Südeuropa beteiligt. Explosionsartige Abwertung von 30-40% oder gar 50%. Das bedeutet Zusammenbruch der Exportindustrie in Deutschland => Es ist unverständlich, dass Deutschland sich so schlafwandlerisch selber auf diesen großen Knall zubewegt
  • Ab Minute 82: Postwachstum. Auch ganz interessant, aber m.E. ein anderes Thema. 🙂
  • Wenn alle sparen wollen, muss der Zins Null sein, das ist, was wir gerade in Europa sehen

(Interpretation / Einfüge von mir sind nach dem Folgerungsfeil „=>“). Ups. Lang geworden. Gucken lohnt sich. 🙂

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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.