Verwirrte Deutsche Meinung zu Griechenland

Es ist schon erstaunlich, was im Moment so passiert. Die Stimmung in Deutschland. Da sind  viele Leute stolz darauf, dass wir so schön „hart“ geblieben sind und den blöden faulen Griechen endlich mal gezeigt haben, wo der Hammer hängt… Woher kommt das?

Zeit.de hat vor einiger Zeit untersucht, wie die Stimmung in anderen EU Staaten bezüglich Griechenland so ist und mit diesen schönen Sätzen aufgemacht:

In manchen Staaten gibt es kein Verständnis für Athen. In anderen kein Boulevardblatt mit Griechen-Phobie.

Und man muss, wenn man sich so in Deutschland um guckt, wirklich glauben. Die Bildzeitung scheint hier die Meinungshoheit in der „Griechenlandfrage“ zu haben. Schon allein, dass die Deutschen glauben, sie hätten den Griechen selbstlos geholfen ist so ein Konstrukt der Bildzeitung und ähnlich tickenden Medien.

Huch. Haben sie dass den nicht? Erstmal sei der Hinweis erlaubt, dass es sich um Kredite handelt. Das Geld ist nicht geschenkt, sondern wird verzinst. Und die Zinsen werden von Griechenland auch bedient. Auch hier ist ja die Bild-Meinung, dass man Geld verschenkt hätte. Das ist (noch) nicht der Fall. Dann ist die Hauptfrage, wem es am meisten nützt, dass Griechenland im Euro bleibt. Was ist das Problem, wenn es austritt? Damals war die Gefahr groß, dass wir relativ schnell den Süden der EU aus dem Euro verlieren. Wenn man schon den Griechen nicht hilft, warum sollte dann bei Portugal, Irland, Spanien oder Italien mehr Bereitschaft für Hilfen existieren? Und ein Zerfall des Euro würde, heute genau wie damals, Deutschland am härtesten Treffen. Denn das deutsche Geschäftsmodell, dass sich auf den Export versteift und den mit Lohnzurückhaltung im Inland befeuert, funktioniert nur, wenn ein paar „Krisenstaaten“ die Währung schön niedrig halten. Wenn Deutschland heute aus dem Euro austreten würde, würde die Währung relativ schnell um 30% nach oben korrigiert werden. Und 30% Kostensteigerungen stecken auch die hochqualitativen deutschen Produkte nicht weg. Ähnliches gilt für einen „Nord-Euro“, bei dem nur noch die „starken“ mitmachen würden, den die AfD lange im Blick hatte.

Dazu kommt, dass das erste Hilfspaket zum überwiegenden Teil an europäische (und US) Banken ging und nur sehr wenig ist im griechischen Staatshaushalt angekommen ist. Daher sind die ganzen schönen Geschichten von den faulen Griechen, die nicht arbeiten und keine Steuern zahlen und so weiter, völlig unerheblich. Denn das sind alles Themen im Staatshaushalt, der zwar eine sehr hohe Verschuldung hatte, aber damit, bis zur Bankenrettung 2008, ganz gut klar kam1. Im Prinzip haben die Europäer, allen voran Deutschland und Frankreich, ihre Banken über den Umweg Griechenland gerettet. Hätte man in Griechenland schon 2010 einen Schuldenschnitt durchgeführt, hätten Deutschland und Frankreich ihre Banken (allen voran die Comerzbank und die Deutsche Bank) retten müssen. Wirklich selbstlos war die Hilfe also nie.

Ob es Hilfe war, darüber lässt sich ebenfalls streiten. Versetzen wir uns in das griechische Volk. Ein Volk, dass nun unter 25% Arbeitslosigkeit leidet, rauf von 8-10% vor der Krise. Was für die Griechen besonders unangenehm ist: Dort endet die Unterstützung für Arbeitslose nach einem Jahr. Keine Sozialhilfe oder Harz-IV, nichts. Das heißt, dass 25% des Volkes ohne Einkommen sind, von Krankenversicherung und ähnlichem gar nicht zu reden. Ein Volk, bei dem die Wirtschaft, auch Aufgrund der „Hilfspakete“ bzw. der Bedingungen zu denen diese vergeben wurden, jenseits der 5% schrumpft, jedes Jahr, was allein durch die Einsparmaßnahmen passiert ist (Wie das mit den diktierten Rentenkürzungen zusammenhängt hier auch bei Flassbeck)2. Sind das wirklich Hilfen? Hätte das Volk so viel mehr unter einer frühen Staatspleite gelitten? Man darf das bezweifeln.

Deutschlands Geschäftsmodell basiert auf dem Euro und darauf, dass andere, „schwächere“ Staaten die Währung „unten halten“. Umso verwunderlicher ist, dass man jetzt so begeistert ist, den gleichen Zerfallsprozess zu riskieren wegen dessen Vermeidung man doch die ganzen „Hilfen“ im ersten Schritt auf sich genommen hat. Das Risiko ist nicht null. Und wenn man Griechenland schon nach ca. 90 Mrd Euro fallen lässt, wie schnell könnte man dann Portugal, Spanien oder Italien über eine solche „Schwelle der Zumutung“ bringen? Finanzinvestoren werden das austesten. Die Zukunft des Euro wird spannend, hoffen wir, dass die ganze Aktion um Griechenland, die Deutschland so begeistert feiert, uns nicht bald ganz böse auf die Füße fällt.

PS: Ich glaube, dass ein paar Grundverwirrungen dabei eine nicht unerhebliche Rolle spiele:

  • Zum einen scheinen die Leute davon auszugehen, dass Staaten ihre Schulden zurückzahlen (müssen). Das tun sie nicht. Kein Staat zahlt seine Schulden zurück. Auch Deutschland nicht. Staaten „wachsen“ aus den Schulden heraus. Die absolute Summe der Schulden reduziert sich nur sehr selten. Das macht auch nichts. Wenn ich heute 100Mrd € Schulden habe, und morgen jährlich 200Mrd € Geld verdiene, dann sind die 100Mrd € ein Klacks. Daher ist es so tragisch, dass man in Griechenland die Wirtschaft abgewürgt hat. Hätte man die Wirtschaft unterstützt und nicht abgewürgt, sähe der gleiche Schuldenberg heute viel einfacher zu bewältigen aus und keiner würde sich sorgen machen. Das hängt mit der anderen Grundverwirrung zusammen…
  • Man kann keine schwäbische Hausfrau einen Staat lenken lassen. Die Hausfrau kann einfach Einnahmen und Ausgaben vergleichen und wenn es auf der Einnahmenseite nicht reicht, bei der Ausgabenseite sparen. Das kann ein Staat nicht. Dort hängen die Einnahmen leider direkt von den Ausgaben ab. Wenn die Rentner weniger Rente bekommen, kaufen sie weniger ein, weniger Steuern fließen, weniger Einnahmen für den Staat. Ist es viel weniger, gehen Läden pleite, werden Menschen arbeitslos, muss der Staat auch noch Arbeitslosengeld bezahlen. Insofern wäre die schwäbische Hausfrau ein fürchterlicher Finanzminister und hätte jeden Staat innerhalb von ein paar Jahren am Boden.

 

Fußnoten:

  1. Die Schuldenquote in Griechenland war lange bei ca 100%. In Deutschland lag sie bei, ebenfalls verbotenen, 80%. Erlaubt sind 60%. Das hat beispielsweise Spanien mit ca 40% Schuldenquote eingehalten, was ihnen aber auch nichts genutzt hat, da sie ein Jahr früher als Deutschland von der Finanzkrise in den USA erschwischt wurden und daher ebenfalls in der Krise zum sparen verdonnert wurden, mit den gleichen Folgen, wie in Griechenland []
  2. Das die Deutschen selber die „Sparmedizin“, die sie den Griechen verschreiben nicht nehmen und auch nie wirklich genommen haben, muss man dabei gar nicht weiter erwähnen. []
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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.