Amazon…

Im Moment ist ja Amazon-Bashing voll inn. Öffentlich werden da Amazon Konten „gekündigt“ und versprochen bei „dem Laden“ nie wieder einzukaufen. Von „moderner Sklaverei“ wird gesprochen…

Abgesehen davon, dass man nicht immer alles glauben sollte, was im TV zum Skandal gemacht wird, muss ich sagen, dass der Amazon Boykott mir zu kurz geht… Ich persönlich werde Amazon auch nicht boykottieren. Was ist mit den Leiharbeitern, die in nicht so populären Firmen eingesetzt werden und daher keinen Skandalbeitrag wert sind?

In einer Gemeinde bei Bonn gibt es einen Obstbauern, der sogar einen alten Schulbus angeschafft hat um bei der Erdbeerernt die Polen herum karren zu können. Wie leben die? Was verdienen die? Was verdienen Leiharbeiter bei anderen Firmen? Oder in anderen Lagerhäusern, die ja nun doch überall benötigt werden?

Wir haben in den letzten Jahren in Deutschland einen billig Lohnsektor geschaffen, den wir so vorher nicht hatten. Und dank der Weigerung einen Mindestlohn für alle einzuführen, ist halt gerade bei Dingen, wo keiner hinguckt, alles möglich. Heute ist es Amazon, morgen ein anderes dickes Unternehmen… aber ändern wird sich erst etwas, wenn die Politik einschreitet. Uns sollte es schon zu denken geben, dass selbst die USA und gar die Polen einen Mindestlohn haben. Die Debatte hierzulande muss für Außenstehende ähnlich wirken, wie für uns die Debatte in den USA über die Krankenversicherung. Interessanterweise werden auch ähnliche Argumente von den Gegnern angeführt (im Stil von „direkter Weg in den Kommunismus“).

Für die Politiker sind diese mediengenerierten Skandale über Großunternehmen allerdings sehr angenehm… die sind so schön schnell vorbei und vergessen, dass kein Politiker einen Handlungsbedarf sieht. Gleichzeitig kann man sich mit wenig wirksamen öffentlichen Unmutsäußerungen und Scheinaktionen, wie das eigene Konto löschen auch noch etwas profilieren und von dem Ganzen profitieren. Bei der nächsten Mindestlohndebatte ist man dann aber doch wieder gegen den Einzug des Kommunismus. Insofern hat der Verdi-Gewerkschaftssekretär Heiner Reimann recht, wenn er sagt er werde sein Konto nicht kündigen, sondern weist auf seine Petition bei change.org hin. Leider richtet auch diese Petition sich nur an Amazon und nicht die Probleme von Arbeitern ohne Mindestlohn im ganzen.

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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.