Street View Manie

Auf Google Street View hat in den letzten Wochen so gut wie jede Presse eingeprügelt. Da kamen die merkwürdigsten Behauptungen. So fragte sich z.B. der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, ob Streifen in Google Street View rechtlich möglich wären, was zeigt, dass er sie offensichtlich für technisch möglich hält. Im gleichen Blogpost wird auch deutlich, dass manche (eigentlich Internet-affine Menschen!) den Scherz „Wenn ihr im Urlaub seid, könnt ihr auf Google Street View gucken, ob euer Haus noch steht“ nicht so ganz verstanden haben. In manchem Artikel in der deutschen Presse war von einem „Navigationsdienst“ die Rede, was Street View definitiv nicht ist.

Das ganze Durcheinander zeigt: Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, was Street View ist, was es ermöglicht und was es eben nicht ermöglicht. Street View zeigt Photos. Diese sind technisch aufwendig aneinander „geklebt“ und per GPS Lokalisiert, so dass man darin nach Orten suchen kann. Aber es sind eben nur Photos. Wenn man selber den Google-Wagen nicht dabei gesehen hat, wie er sein Haus aufnimmt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man auch nicht auf dem Bild drauf ist. Dann wird man auch niemals in Street View zu sehen sein, egal ob man nun sein Haus verpixelt oder nicht. Es gibt nur Momentaufnahmen von Häusern, die zu einer Aufnahme der Straße und dann der Stadt zusammen gesetzt werden. Gesichter auf diesen Bildern werden grundsätzlich verpixelt. Mit diesen Bildern alleine können auch keinerlei Profile erstellt werden, außer vielleicht von jemandem, der konsequent dem Google-Auto hinterher gelaufen ist und so auf jedem Bild drauf ist. Das sagt aber mehr über die Strecke, die das Auto gefahren ist, als über die Person, die da hinterher gelaufen ist.

Welche Daten soll es da geben, die man sonst nicht finden kann? Klar kann man zufällig dabei gesehen werden, wie man aus Haus XY raus geht oder rein geht. Das kann man aber auch so, denn man war von der Straße aus zu sehen. Wenn einen das stört, dass man da gesehen wird, sollte man sich eben selbst unkenntlich machen. Klar können Leute das eigene Haus in  Street View betrachten. Das können sie aber auch so, es sei denn man „verpixelt“ das Haus auch in Realität, baut also z.B. eine große Mauer drum herum. Klar könnten Einbrecher in Google Street View lohnende Ziele suchen. Das können sie aber ebenfalls so, indem sie einfach in der Gegend rumfahren. Dabei sehen sie dann auch Live, ob ein Auto in der Einfahrt steht und können direkt entscheiden, ob sie gerade „einsteigen“ oder lieber noch ein paar Stunden vor dem Haus stehen bleiben, bis man wegfährt. Dieser letzte Punkt ist ein großer Vorteil der Realität, das geht nicht in Google Street View!Und dieser Vorteil wird von vielen Einbrechern auch genutzt, daher ist der Umstieg auf Street View eher unwahrscheinlich.

Google Street View ist vollkommen harmlos

„Es gibt Menschen, die bei Google Street View den Überblick verlieren…“ sagt der CSU Sicherheitsexperte Stephan Mayer und fordert, dass Google „älter Menschen“ um Erlaubnis fragen sollte, ob Photos von deren Häusern veröffentlicht werden dürften. Ich muss ihm zustimmen, dass viele Menschen bei Google Street View den Überblick verloren haben. Das ist aber nicht die Schuld von Google, sondern eher die von drittklassigen Politikern, die versuchen sich auf Kosten von Google mal eben in die Schlagzeilen zu bringen (wen wundert es, dass neben Ilse Aigner auch Guido Westerwelle mit dabei ist). Würden die Medien nicht so einen riesen Terz um Street View machen, niemand hätte gemerkt, dass der Dienst gestartet ist und Photos von seinem Haus irgendwo im Internet sind. Es hätte auch niemand Schaden davon genommen. Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Es gibt das ganze schon. Einmal ist Google Street View außerhalb von Deutschland schon in vielen Ländern etwas vollkommen normales. Die schlimmste Story, die man dazu jemals gehört hat, war, dass jemand per Zufall beim Masturbieren Fotografiert wurde. Aber auch hier gilt: Wenn du nicht von der Straße aus beim Masturbieren fotografiert werden willst, geh rein! Und es war auch die einzige Story, die man in der Richtung zu lesen bekam.

Ganz davon abgesehen, gibt es auch schon etwas vergleichbares in Deutschland: Sightwalk. Auf der Webseite konnte ich schon heute durch das virtuelle Bonn laufen (und mich gleichzeitig davon überzeugen, dass die Datenbank sich nicht so ganz sicher ist, wo die Acherstraße liegt ;)). Und? Habe ich etwas davon mitbekommen, dass „mein Wohnhaus“ im Internet zu sehen ist? Nein. Konnte irgendjemand, der nicht sowieso schon meine Adresse kennt irgendetwas mit den Daten anfangen? Nein. Ich leide nicht darunter, dass diesen Daten im Internet sind, genauso wenig leidet irgendein anderer Bonner darunter.

Es gibt noch einen anderen Grund für diese Behauptung: Ich selber bin schon auf Street View zu sehen. Während einem Aufenthalt in Oulu, Finnland, wurde ich vom Google Kameraauto aufgenommen und bin nun, mit verpixeltem Gesicht, im Internet zu betrachten. Und? Wer hat mich gefunden? Wenn man nicht zufällig eh den Verdacht gehegt hat, dass ich mich in Oulu rumgetrieben hab, wer hätte darauf kommen sollen mich dort zu suchen?

Häuser verpixeln? Warum?

Aber nun gut, die Idee, dass Menschen sich nicht gerne „in der Öffentlichkeit“ sehen wollen, kann ich ja nachvollziehen. Dass also Gesichter grundsätzlich verpixelt werden finde ich gut. Genauso könnte ich die Forderung nach vollziehen ganze Menschen zu verpixeln, so dass sie nur noch als „grauer Matschblob“ identifiziert werden können. Es ist einfach ziemlich überflüssig Häuser verpixeln lassen zu können, da man diese auch so sehen könnte, wenn man seinen faulen Hintern in die entsprechende Straße bewegt.

Hochgradig grotesk ist aber die Idee, dass selbst Mieter ein ganzes Haus verpixeln lassen können. Beim Eigentümer könnte man sich vielleicht noch den ein oder anderen Grund aus den Fingern saugen (z.B., wenn er sich eine Renovierung nicht leisten kann und sich schämt oder so etwas). Aber beim Mieter??? Bitte??? Warum sollte ein normaler Mensch irgendetwas irgendwo verpixeln lassen können, wenn er darauf selber nicht zu sehen ist und auch sonst nichts, was ihm gehört? Insofern sollten alle vernünftig denkenden, die so einen merkwürdigen Nachbarn bei sich im gleichen Haus haben, den Widerspruch zum Widerspruch kennen. Damit kann man solchen Verpixelungs-Phantasien widersprechen. Ob Google diese Widersprüche zum Widerspruch auch bearbeitet, bleibt allerdings abzuwarten.

Diese ganze Hysterie führt nur dazu, dass Street View in Deutschland zum Fleckenteppich degradiert wird, was den Dienst in seiner Funktion einschränkt, nämlich einen Eindruck von einer Umgebung zu bekommen. Da sollte man sich schon einmal dafür einsetzen, dass dieser Fleckenteppich ausgebessert wird: Aktion „Verschollene Häuser“. Diese Aktion führt den Deutschen schön vor, was sie eigentlich für einen Unsinn treiben: Es ist erlaubt Photos von Häusern zu machen. Diese unterliegen keinerlei Einschränkungen und können auch im Internet veröffentlicht werden. Das nennt sich Panoramafreiheit. Die Leute der Aktion „Verschollene Häuser“ wollen nun einfach diese Panoramafreiheit nutzen und Photos von Häusern machen, die bei Street View verpixelt sind und diese öffentlich ins Internet stellen. Dazu brauchen sie keinerlei Genehmigung von den ursprünglichen Verpixelnden und können das einfach so tun. Ärgerlich so eine Panoramafreiheit, oder? Macht aber die Pressearbeit mit Bildern erst möglich. 😉

Street View Manie verdrängt viel wichtigere Datenschutz anliegen

Nur damit man das nicht falsch versteht: Ich empfinde die Datensammelwut von Google und anderen Konzernen durchaus als bedenklich. Aber Google Street View ist nunmal ein Beispiel, bei dem es, nüchtern betrachtet, um nichts schützenswertes geht. Die Informationen, die Menschen freiwillig raus geben sind viel umfangreicher. Wenn Leute Google für ihre Suchanfragen, E-Mails, Kontakte, Kalender und sogar Office-Dokumente nutzen, dann weiß Google potentiell alles über diese Personen. Da ist es dann vollkommen unerheblich ob auch noch ein Bild vom Haus im Internet ist, dass man eh nur zuordnen kann, wenn man die Adresse kennt. Lieber sollte man versuchen dort mehr Sensibilität zu erzeugen, wo es wichtig ist und den Missbrauch von Daten, die User freiwillig übermitteln, wirksam verhindern (also diesem vorbeugen). Auch gibt es andere Dinge, in die Datenschützer ihre Zeit lieber investieren sollten. So versagt die Regierung im Moment dabei einen Wirksame Datenschutz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu installieren, den es in Deutschland einfach nicht gibt. Heimliche Videoaufnahmen, wie sie z.B. Lidl 2008 durchgeführt hat, sind zwar moralisch verwerflich, aber sie sind erlaubt, selbst Aufnahmen, die ohne Verdacht einer Straftat systematisch durchgeführt werden.

Die Street View-Angst in Deutschland wurde trotz allem massiv geschürt und das offensichtlich nur um drittklassigen Politikern eine Möglichkeit zu geben sich zu profilieren. Das ist es, was einen an der ganzen Aktion ärgern sollte. Es werden die wichtigen Themen vernachlässigt und unter den Teppich gekehrt, und viel Getöse um etwas vollkommen unwichtiges gemacht. Leider muss man hier sagen: Das ist ein ziemliches Versagen der deutschen Medien!

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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.

3 Gedanken zu „Street View Manie

  1. Online Weber

    Die ganze Deskussionen um Google Street View sind es nicht Wert. Sie machen Ihren Job gut. Die einzelne Häuser von Menschen, die Ihre Wohnumgebung nicht Online sehen möchten verschwommen zu machen finde ich beeindruckend, wenn man es überlegt, wieviel Arbeit dahinten steckt. Es wird immer die tüpisch Deutschen geben, die sich darüber nur aufregen. Zum Beispiel in anderen Ländern, die Leute freuen sich wieder was neues von Google zu haben. Ich frage mich, warum regen sich die Deutschen darüber auf?

  2. Webdesign Krokus

    „Wenn du nicht von der Straße aus beim Masturbieren fotografiert werden willst, geh rein“ – großartige Idee! 🙂

    Und warum dieser Dienst so empört die Menschen?

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