Für das Abschaffen der Wehrpflicht

Die aktuelle Regierung will die Wehrpflicht von im Moment neun auf sechs Monate kürzen. Wie bei allen anderen Vorhaben auch, ist man sich da wieder nicht ganz einig und es gibt gerade Knatsch darüber zwischen Verteidigungsminister zu Guttenberg und der FDP. Die FDP schlägt dabei eine dreimonatige Grundausbildung vor und danach ein bis zwei Praktika in verschiedenen Teilen der Bundeswehr um Rekruten die Bundeswehr schmackhaft zu machen.

Guttenberg sträubt sich gegen diesen Vorschlag, da er darin eine schleichende Abschaffung der Wehrpflicht sieht und will an der reinen Verkürzung auf sechs Monate festhalten. Auch Familienministerin Köhler ist wohl auf Guttenbergs Seite, da sie fürchtet, dass ein zu kurzer Zivildienst keinen Sinn macht, sie fordert gar eine freiwillige Verdoppelung des Zivildienstes.

Gründe gegen die Wehrpflicht

Schon die jetzigen neun Monate (drei Monate Grundausbildung und sechs Monate im Dienst) sind auch in der Bundeswehr sehr umstritten. Gerade die sechs Monate Dienst in der Bundeswehr gelten als deutlich zu kurz, um einen Nutzen daraus zu ziehen, weder für die Bundeswehr noch für den Wehrpflichtigen. So erfüllen die meisten Wehrdienstleistenden auch keine sinnvollen Aufgaben, sondern verplempern neun Monate ihres Lebens mit sinnloser Beschäftigungstherapie in der Bundeswehr.

Die Anforderungen an Soldaten haben sich geändert. Die Bundeswehr ist eine Armee von Spezialisten, die mit hochtechnischem Gerät umgehen müssen. Dazu zählen Hubschrauber und Jets genauso wie unbemannte Flugdrohnen (die offensichtlich auch für Experten schwer zu steuern sind ;)), unbemannte Bodenfahrzeuge, hoch technische Panzer. Sogar die Grundausstattung des Infanteristen der Zukunft strotzt nur so von technischem Gerät und völliger Vernetzung. Die Ausbildung an all diesen Geräten kann während der Grundausbildung nicht vorgenommen werden. Neben dem lernen von Zeremonien und Schießübungen bleibt für die komplizierte Technik keine Zeit.

Die wichtigsten Aufgaben der Bundeswehr liegen auch lange nicht mehr in Deutschland. Sie werden in „Friedensmissionen“ wie in Afghanistan oder dem Kosovo ausgeführt. Die Wehrdienstleitsenden sind dafür gar nicht ausgebildet und werden grundsätzlich nicht ins Ausland entsendet.[1]

Auch auf der Kostenseite sieht es für die Wehrpflicht nicht gut aus. Es gibt zwar das Argument, dass eine Berufsarmee in ähnlicher Mannstärke, wie die Wehrpflichtarmee deutlich teurer wäre, aber dieses Argument ist nicht gut durchdacht. Die Bundeswehr kann aus gut ausgebildeten Berufssoldaten, die auch entsprechend ihrer Begabungen genutzt werden, viel mehr Leistung gewinnen und benötigt daher deutlich weniger Soldaten. Außerdem würden Berufssoldaten nicht 50% ihrer Verweilzeit in der Bundeswehr ausgebildet werden, wie es bei Wehrpflichtigen der Fall ist. Insofern würden die Kosten eher sinken, als steigen.[2]

Übersicht über Wehrpflicht in der Welt

Übersicht über Wehrpflicht in der Welt.Blau = keine Wehrpflicht,Gelb = Wehrpflicht wird abgeschafft,Rot = Wehrpflicht.Bildquelle: Wikipedia.org

Ein interessanter Punkt ist auch, der z.B. in der Wikipedia auf einer Weltkarte zum Thema Wehrpflicht direkt auffällt: Von den westlichen Industrienationen sind die Deutschen zusammen mit den Skandinaviern (die zum Teil die Wehrpflicht aber auch schon abschaffen), die letzten, die noch auf Wehrpflicht setzen. Ich hätte persönlich vermutet, dass zumindest die USA noch auf Wehrpflicht setzen (wer kenn nicht das „Uncle Sam wants you“-Plakat?), aber auch da ist das Thema erledigt.

Der stärkste Grund gegen die Wehrpflicht ist meiner Meinung nach immer noch die Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Männliche Jugendliche müssen Wehr- oder Zivildienst leisten, weibliche Jugendliche müssen aber keinen „Dienst für ihr Land“ leisten. Warum? Gleichberechtigung sollte auch gleiche Pflichten mit einschließen.

Zivildienst

Gleichzeitig ist der größte Kritikpunkt an der Abschaffung der Wehrpflicht, dass damit auch soziale Einrichtungen Probleme bekämen, da ihnen ja der Zivildienst weg bricht. Denn der Zivildienst existiert im Moment allein, weil er als Ersatz für den Wehrdienst eingeführt wurde. Daher ist es auch unsinnig über eine freiwillige Verlängerung des Zivildienstes zu diskutieren. Der Zivildienst wurde eingeführt um den Menschen, die keinen Dienst an der Waffe leisten wollen eine Alternative zu bieten, nicht um soziale Einrichtungen zu entlasten.

Diese beiden Punkte, die Ungleichbehandlung von Mann und Frau und die Abhängigkeit des Zivildienst von der Wehrpflicht könnten einfach dadurch gelöst werden, dass man anstatt der merkwürdigen Wehrpflicht einen verpflichtenden oder freiwilligen sozialen Zivildienst für alle Jugendliche, unabhängig vom Geschlecht, einführt. Dieser Zivildienst scheint nötig um gerade Pflegeeinrichtungen zu entlasten und würde so auf ein vernünftiges gesellschaftliches Fundament gestellt. Außerdem gäbe es keinen Grund mehr für eine Ungleichbehandlung der Geschlechter.

Einen tiefen Eingriff in die Entwicklung der Jugendlichen und eine gewisse Zeit an „Verdienstausfall“ und damit einen gewissen Volkswirtschaftlichen „Schaden“ gibt es damit immer noch. Trotzdem halte ich einen Zivildienst für gerechtfertigt, auch in dem Hinblick, dass Menschen damit zumindest einmal im Leben soziale Verantwortung für ihre Mitbürger übernehmen und damit vielleicht zu „besseren“ Menschen werden. 😉

Nachwuchsprobleme

Natürlich bliebe dann das Nachwuchsproblem für die Bundeswehr. Aber ich finde es merkwürdig, dass die Bundeswehr hier eine eigene Pflicht-Werbeveranstaltung  behalten soll, die zu Lasten aller Jugendlicher geht. Da sollte die Bundeswehr lieber Werbung mit ihren exzellenten Ausbildungsmöglichkeiten machen und die Absolventen dann von dem Einsatz in der Bundeswehr überzeugen. Der Polizeidienst ist auch nicht ungefährlich (und gilt dazu noch als eher schlecht bezahlt), trotzdem gibt es keinen erzwungenen Polizeidienst für Jugendliche, sondern der Nachwuchs kommt auch so.

Aber ich fürchte auf die Abschaffung der Wehrpflicht wird man noch ein paar Regierungen warten müssen. Das es aber in Deutschland auch irgendwann so weit kommt, da bin ich recht optimistisch. 🙂

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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.