Alkohol am Steuer, Frau Käßmann, ihr Auftritt

Nun diskutiert Deutschland über das Schicksal von Frau Käßmann . Man ist sich einig, dass hier ein Fehler begangen wurde, nämlich der unter Alkoholeinfluss ein Auto zu fahren1, aber über die Konsequenzen für jemanden in einem „öffentlichen Amt“, darüber ist man sich nicht einig, die einen sind dafür, dass sie ihr Amt niederlegt2, andere verzeihen den Fehler34.

Sie selber sei sich sicher, was für einen Fehler sie gemacht hat, sagt sie und sagen auch Leute, die sich selber mit ihr unterhalten haben5. Es bleibt unbeantwortet, ob sie sich dieses Fehlers auch bewusst geworden wäre, wenn sie nicht zufällig von der Polizei entdeckt worden wäre.

Persönlich bin ich dafür, dass Käßmann in ihrem Amt bleibt. Denn der berufliche Status tut bei diesem Fehler nichts zur Sache. Das Problem ist eher, dass so etwas jeden Tag passiert und gerade Alkohol als Droge viel zu sehr verharmlost wird. Man sollte daher lieber darauf hoffen, dass Frau Käßmann nun ein schlechtes Gewissen hat und ein wenig ihrer Zeit darauf verwendet, gegen das Fahren unter Alkoholeinfluss im speziellen und den grassierenden Alkoholmissbrauch im Allgemeinen vorzugehen.

Der Zwang zum Alkohol

Das Problem mit dem Alkohol ist ja, dass es in unserer Gesellschaft kaum vermieden werden kann, regelmäßig Alkohol zu trinken. Geht man einmal mit offenen Augen durchs Leben, fällt einem das schnell auf. Die meisten Leute trinken schon bei einem gemeinsamen Essen Alkohol. Nur sehr selten hört man die Aussage „Nein, für mich nicht, ich muss noch fahren.“. Als Ausreden, dass man keinen Alkohol trinkt, werden auch allgemein nur „Ich bin schwanger“ und mit Einschränkungen „Ich muss noch fahren“ akzeptiert6. Aussagen wie „Ich habe heute keine Lust“ oder „Ich möchte heute keinen Alkohol trinken“ werden mit schrägen Blicken beantwortet und einfach ignoriert oder im Laufe des Abends mehrfach vergessen, so dass immer wieder nachgefragt wird.

Schlimmer als beim Essen ist es dann noch bei speziellen Anlässen. Es gibt eigentlich kaum einen Anlass zu dem in Deutschland kein Alkohol gereicht wird. Zu Geburtstagen und Silvester wird grundsätzlich angestoßen, also getrunken. Wer da nicht mit zieht, ist automatisch ausgeschlossen und begeht eine große Unhöflichkeit. Zusätzlich gibt es noch Veranstaltungen, die nur wegen der Möglichkeit endlich mal wieder Alkohol zu konsumieren statt finden. Dazu gehören prominente Fälle wie der Karneval oder das Oktoberfest aber auch etliche Bierbörsen, die man in vielen Parks in Deutschland regelmäßig begeht. Auch bei Sportveranstaltungen fließt das Bier in Massen.

Es gibt auch viele Gelegenheiten, zu denen man ohne Anlass trinkt. So ist es z.B. häufig Brauch, dass man mit Kollegen nach der Arbeit noch ein Bierchen trinkt oder, wenn man gemeinsam Sport getrieben hat, kurz noch bei einem Bierchen zusammen sitzt. Man bekommt das Gefühl, dass Bier die Gesellschaft zusammen hält. Die wenigsten würden sich „auf ein Wasser“ treffen. Manchmal trifft man sich mittlerweile „auf einen Kaffee“, aber dabei geht es meistens um Partnersuche.

In jedem Fall, in dem Leute zusammen kommen und Alkohol konsumieren, gilt, dass man immer der Außenseiter ist, wenn man nichts trinkt. Auch wenn man eine akzeptierte Ausrede vorbringt, wird man doch ausgeschlossen und gilt als komisch, weil man eben nicht mit trinkt und damit als Spaßbremse wahrgenommen wird.

Das logistische Problem

Bei all diesem Alkoholkonsum bleibt immer ein Problem: Wie kommt man danach nach Hause? Eigentlich müsste man denken, dass kaum ein Deutscher zu Freizeitaktivitäten mit dem Auto aufbricht.

Trotzdem sind in den Städten (also da wo man sich trifft) die Straßen genau wie die Parkplätze ständig überfüllt. Dagegen herrscht im ÖPNV, abgesehen vom Berufsverkehr, häufig gähnende Leere. Man könnte ja noch verstehen, dass man zum Essen in privat Häusern mit dem eigenen Auto anreist. Diese sind meist nicht gut vom ÖPNV versorgt und da würde eine Fahrgemeinschaft Sinn machen. Aber auch das passiert nur selten, die meisten kommen alleine oder zu zweit im Auto. Das würde bedeuten, dass um die 50% der Gäste auf den meisten Partys nichts trinken, aber diese Quote wird nur selten erreicht.

Aber auch Aktivitäten in der Stadt, bei denen Alkohol fließt, werden von den meisten Menschen mit dem eigenen Auto angefahren. Das Auto ist halt immer noch ein Statussymbol und wer es sich leisten kann mit dem eigenen Wagen vorzufahren, der ist etwas. Wer zu Fuß von der U-Bahnhaltestelle kommt, wird nicht wahr genommen7. Trotzdem muss natürlich gerade der, der mit dem dicken Auto vorgefahren ist, auch trinken. Denn ein gestandener Mann, kann ja trinken und fahren gleichzeitig. Erschrekenderweise gilt diese Regel sogar in der Politik.8

Es bleibt also das logistisches Problem: Die Leute verzichten aus Statusgründen oder Bequemlichkeit nur ungern darauf mit ihrem eigenen Auto zu fahren, werden aber von gesellschaftlichen Zwängen dazu getrieben Alkohol zu trinken.

Zurück zu Frau Käßmann

Man sollte am besten an beiden Punkten gleichzeitig Ansetzen, und den Leuten beibringen, dass Alkohol nicht immer zwingend notwendig ist9 und dafür sorgen, dass die Anreise per ÖPNV grundsätzlich gesellschaftlich akzeptabel ist, vielleicht sogar höher angesehen wird, als mit dem Auto anzureisen, und als nötig empfunden wird, wenn man am Abend etwas trinken will.

Beides sind Dinge, für die sich die Kirche als moralischer Richtungsweiser, als der sie sich selber versteht, prima einsetzen kann. Und die Eignung von Frau Käßmann für ihr Amt sollte sich daran messen, ob sie versteht, warum ihr dieser Fehler unterlaufen ist und sich dafür einsetzt, dass sich in Deutschland die Moral, also das Verständnis von Richtig und Falsch, dahingehend beeinflusst, die Gesellschaft ihre Mitglieder nicht mehr zu diesem Fehler drängt.

Update

Nun ist sie mir doch zu vorgekommen und hat ihren Rücktritt eingereicht10. Schade. Ob sich der Nachfolger nun um diese Probleme kümmern wird? Ich wage es zu bezweifeln.

 

Fußnoten:

  1. netplosiv []
  2. Pressemittelungen-online.de []
  3. Cross Over []
  4. 4Für eine bessere Welt []
  5. FTD.de []
  6. Wer hat noch nie gehört „Ein Glas geht doch“, wenn er auf die Frage nach Alkohol geantwortet hat, dass er noch fahren muss? []
  7. Obwohl er oft die größeren Strapazen hinter sich gebracht hat, bei der Anreise. Aber der Status des ÖPNV Netzes steht auf einem anderen Blatt, der würde sich sicherlich automatisch verbessern, wenn ihn mehr Leute nutzen würden. []
  8. Beckstein zum Oktoberfest 2008 []
  9. Hier sind schon ein paar Fortschritte gemacht worden. []
  10. Carls Webblog []
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Über Achim

Ich bin in Bad Godesberg auf das Konrad Adenauer Gymnasium gegangen und habe dort 2002 mein Abitur gemacht. Danach habe ich in Bonn Informatik studiert und habe den Studiengang 2008 mit Diplom abgeschlossen. Im Moment bin ich in der Forschung tätig. Außerdem bin ich einer von zwei Gründern von Tratschtante.de und im Moment hier der einzig aktive Schreiberling.